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Hello bonnie Scotland

‘Mach schnell! Raus! Fahr! Links! Links!’ Ja, es war ein Sprung ins kalte Wasser, dieses England. Nach der gemütlichen, rund 7-stündigen Fährfahrt von Hoek van Holland nach Harwich wurde es plötzlich hektisch. Kaum durften wir in den Frachtraum zum Fahrzeug, sollten wir auch schon draussen sein. Die Lastwagen hinter uns liessen uns ihre Ungeduld nur zu deutlich spüren. Okay, einfach schön jemandem nachfahren, dann kann das Linksfahren nicht schief gehen. Aber wenn schon nach ein paar hundert Metern niemand mehr voran fährt? Und es dunkel ist? Und der Mobilempfang derart schlecht, dass man keine Route googlen kann? Ja, dann fühlt es sich ziemlich ungemütlich an. Aber wenn man muss, geht es auch – Roger meistert die erste Fahrt prima und sicher, und am zweiten Tag bei Tageslicht ist alles schon halb so wild. So starten wir auch gleich mit unserer Reise Richtung Norden, Richtung Schottland, denn dies ist unser Hauptziel. Dennoch wollen wir uns auf der Strecke durch England ein paar Highlights nicht entgehen lassen.


Auf historischen Spuren in England


Wie haben wir uns auf York gefreut! Dieses historische Städtchen im Norden von England mit grosser Wikinger-Vergangenheit steht schon lange auf unserer Liste – die Netflix-Serien ‘The Last Kingdom’ und ‘Vikings’ lassen grüssen. Und wir sollen nicht enttäuscht werden. Die vielen kleinen, engen, authentischen, mittelalterlichen Gässchen mit Kopfsteinpflaster und Fachwerkhäusern, insbesondere ‘The Shambles’, bringen uns wirklich zum Staunen. Das Flair dieser Altstadt lässt einem irgendwie besonders gut fühlen, wie das Leben vor ein paar hundert Jahren in etwa ausgesehen haben könnte. Auch das York Minster, die City Wall und das Jorvik Viking Center sind sehr eindrücklich. In Letzterem werden wir gar freudig überrascht, als wir während des Besuchs feststellen, dass es sich nicht ‘nur’ um ein Museum handelt, sondern mit einer kleinen Bahnfahrt durch das rekonstruierte Alltagsleben der Wikinger verbunden ist.


Glücklich und zufrieden mit unserem Start in England steuern wir weiter nordwärts durch den North York Moor Nationalpark. Dieser ist berühmt für seine ausgedehnten Heidefelder. Die Hauptblütezeit verpassen wir zwar leider knapp, dennoch leuchten einzelne Sträucher violett. So erreichen wir bald das kleine Fischerdörfchen Robin Hood’s Bay, und verlieben uns augenblicklich in die verschachtelten Häuschen, engen Gässchen, farbigen Türen und das bunte Treiben. Der Dorfplatz liegt im wahrsten Sinne des Wortes direkt am Meer. Zum Znacht gönnen wir uns hier das erste real british fish’n’chips.


Als uns vor rund einem Jahr die Netflix-Serie ‘The Last Kingdom’ in ihren Bann zog, hätten wir uns nie träumen lassen, so bald am Ort der Geschehnisse stehen zu dürfen. Hier sind wir nun: Hallo Bamburgh Castle, oder für alle Uhtred-Fans: Hallo Bebbanburg! Die sehr geschichtsträchtige Burg thront hoch über dem Strand und ist einfach nur imposant anzusehen, von innen wie von aussen. Und der Strand eignet sich wunderbar für einen ausgedehnten Spaziergang. Wir nutzen die Gelegenheit und übernachten auf dem Long Stay Parkplatz, so dass der Morgenspaziergang zu einem wahren Highlight wird: Wir haben den Strand, und somit Bebbanburg, für uns ganz alleine. Nur schwer können wir uns von diesem Anblick trennen. Dennoch heisst es langsam Abschied nehmen von England, denn es folgt schon bald der grosse Moment: Wir erreichen Schottland!


Scotland, here we are!


Vielleicht mag es dem Einen oder Anderen ähnlich gehen, zumindest für uns bedeutet Schottland in erster Linie Highlands, das schottische Hochland. Die schönen Katalogbilder dieser grünen Hügel sind es, die uns jeweils sofort in ihren Bann ziehen. So steht für uns ausser Frage, wohin unsere Reise zuerst führen soll. Nicht aber, bevor wir uns als Erstes auch hier noch eine historische Stätte anschauen. Diese liegt uns besonders am Herzen, ist sie doch sehr bedeutsam für das Grundverständnis des heutigen Schottlands und der nach wie vor grossen Clan-Kultur. Wir möchten Schottland nicht ohne dieses Grundwissen bereisen. Die Rede ist natürlich vom Culloden Battlefield. Man kann das einstige originale Schlachtfeld von 1746 zu Fuss betreten, und wird sich durch die mit Fahnen abgesteckten Linien der aufständischen Jakobiten einerseits und der britischen Regierungstruppen andererseits eindrücklich der Dimensionen dieser Schlacht bewusst. Auch die originalen Clan-Gräber sind beeindruckend, wenn zugleich auch äusserst tragisch, da Culloden die letzte verlorene Schlacht um die Unabhängigkeit der Schotten war. Für Fans der Netflix Serie ‘Outlander’ ist natürlich vor allem das Grab des Clans Fraser besonders interessant.


Die östlichen Highlands des Cairngorms National Park


Nein, man kann es unweigerlich verpassen, dass man in den Highlands angelangt ist. Die Fahrt in den östlichen Teil des Cairngorms National Park führt durch grün überzogene, wuchtige Hügel, die Strassen werden enger und kurviger, grosse dunkle Flüsse durchziehen die Täler. Neben diesen atemberaubenden Landschaftsbildern sind wir immer und wieder fasziniert von den vielen hübschen und sehr gepflegten Dörfchen mit den typischen Steinhäusern, die den schottischen Charakter so richtig betonen. Insbesondere Braemar und Ballater verzaubern uns mit ihrem Charme. Kultur und Tradition scheinen hier von grosser Bedeutung zu sein. In dieser Gegend dürfen wir auch unsere ersten Wanderungen unter die Füsse nehmen und auf dem Morrone oberhalb Braemar ein erstes Mal schottisches Highland-Panorama geniessen – und ja, es ist absolut faszinierend, die Reisekataloge versprechen einem nicht zu viel!


Im Herzen der Region, im Linn of Dee, wandern wir tief ins Glen Lui hinein und bekommen das schottische Wetter zum ersten Mal so richtig zu spüren. Wir hören auf zu zählen, wie oft der Regen einsetzt – es hat bestimmt 10x geregnet, aber auch 10x die Sonne geschienen, herrlich! Jaja, das liebe Wetter, immer und überall ein Thema bei den Schotten. Es soll uns nicht anders ergehen. Das Wetter ist generell sehr wechselhaft, unvorhersehbar, und führt oft dazu, dass es nicht unüblich ist, gefühlt alle vier Jahreszeiten an einem Tag zu erleben. Nicht ganz einfach für die Tagesplanung. Die Temperaturen bewegen sich meist zwischen 10-14 Grad. Das schnelle Ändern der Wetterfronten hat aber immerhin den positiven Aspekt, dass man sich sicher sein kann, dass nach dem Regen die Sonne wieder scheint. Es ist oftmals nur eine Frage der Geduld, bis das richtige Licht für die Fotoaufnahme kommt. Und wenn der Nebel sich auflöst, kommt schlagartig der Moment, wofür sich alles Warten lohnt. Besonders intensiv erleben wir diese Momente auch am wunderschön in die Highlands eingebetteten Loch Muick.


Hier ist es auch, wo wir zum ersten Mal ein weiteres Charakteristikum der Highlands bestaunen dürfen: majestätische Hirschen! Die Hirschbrunft ist nun in vollem Gange, was vielfach nicht zu überhören ist. Auch erspähen wir ganze Hirschherden mit vielen Hirschkühen, und einigen laut röhrenden und kämpfenden Hirschbullen mittendrin – ein immer wieder faszinierendes Naturspektakel!


God Save the Queen


Ein Ereignis, das uns doch etwas mehr als erwartet berührt, ist das Ableben von Queen Elizabeth II. Zum Einen speziell, weil es gleich am Tag nach unserer Ankunft geschieht, zum Anderen eindrücklich zu erleben, wie verbunden sich auch die Schotten – trotz teilweise intensiver Bemühungen um das Loslösen von der Krone – mit der Queen fühlen. Die Anteilnahme an ihrem Tod ist riesig und überall immens zu spüren, sei es mit in jedem Dorf niedergelegten Blumen, handgeschriebenen Briefen oder Trauerbekundungen in jedem Shopeingang. Während der Trauertrage herrscht eine besondere Atmosphäre, deren Erfahrung wir nicht missen möchten.


North Coast 500


Nach dem ersten Schnuppern von Highland-Luft führt uns unsere Reise auf die North Coast 500, eine rund 500 Meilen lange Scenic-Route entlang der Nordküste Schottlands. Sie beginnt und endet in Inverness. Es sind gefühlt endlose Nebenstrassen, die an Schottlands schönsten Küstenlandschaften vorbeiführen und sich durch die Highlands winden. Im Osten ist die Landschaft ruhiger, flacher, fruchtbarer, und auch dichter besiedelt – wobei dicht natürlich relativ zu verstehen ist. Im Norden wird es karger, die Landschaft unberührter, und je weiter man nach Westen gelangt, umso mehr dominieren die beeindruckenden Westhighlands. Wir starten im Osten, so dass wir den wilden Teil zum Schluss erleben dürfen.


Generell stellen wir fest, dass das Strassennetz teilweise in schlechtem Zustand ist. Die Strassen sind eng und holprig, sowie in weiten Teilen über sogenannte Single Road Tracks mit Passing Places geführt. Wobei uns Letztere mit der Zeit sogar lieber sind, so ist wenigstens von Anfang an klar, dass ein Kreuzen nicht möglich ist. Die Briten erleben wir als sehr zügige und ungeduldige, gleichzeitig aber auch geübte Autofahrer. Da gibt es nur ein Rezept: sich anpassen - was Roger auch wunderbar in die Tat umsetzt. Eine Tatsache, die zwar für Schottland logisch ist, uns aber erst hier so richtig bewusst wird: Sollte es eine Strassensperrung geben, sei es wegen eines Unfalls oder Bauarbeiten, ist oftmals eine Umfahrung nicht möglich, weil es schlichtweg keine alternative Route in die besagte Richtung gibt. Also steht man mehrere Stunden an Ort und Stelle im Stau und wartet einfach, bis die Strasse wieder freigegeben wird.


Von Ost nach West – oder von Sandstränden in die Highlands


Irgendwann erreichen wir aber dennoch die beeindruckende, direkt an der steil abfallenden Küste gelegene Schlossruine Sinclair Girnigoe in der Nähe von Wick. In Wick besuchen wir zudem die Old Pulteney Destillerie und nehmen an einer Whisky-Tour teil. Es ist eine kleine, traditionelle und sehr persönliche Destillerie. Der Guide nimmt sich alle Zeit und gestaltet die Führung wirklich sehr interessant und kurzweilig. Spannend ist vor allem auch der Blick in die Lagerhallen, und eine kleine Degustation und ein Einkauf im Shop dürfen natürlich auch nicht fehlen. Besonders schätzen wir, dass – im Gegensatz zu den grossen und bekannten Destillerien – eine Spontanbuchung möglich ist.


Und schon sind wir an der Nordküste angelangt, in John O’Groats, dem angeblich nördlichsten Örtchen. Das sagen sie jedenfalls hier, und scheinen dabei die Orkney Inseln und Shetland komplett zu ignorieren. Sie nehmen es sehr ernst mit ihrer Aussage, das Ende der Welt zu sein, mit vielen ‘End-of-the-Roads’-Schildern machen sie einem das überall auch weis: das letzte Restaurant, der letzte Shop, die letzte Brauerei. Der Norden ist hauptsächlich berühmt für seine grossen, goldenen Sandstrände. Zwei wunderbare Beispiele dafür sind der Balnakeil Beach und die Sandwood Bay – letztere ist ein besonders wilder Strand, der nur durch eine Wanderung zu erreichen ist. Das besondere am Landschaftsbild ist, dass sich langsam aber sicher die Wildnis der Westhighlands im Hintergrund erkennen lässt. Was für gewaltige Unterschiede: einerseits ewig lange Strände, andererseits hohe mächtige Berggipfel.


Und einen dieser mächtigen Berggipfel fassen wir ins Auge: den Ben Hope. Es ist der nördlichste gelegene Munro. Munro? Ein Munro, benannt nach Sir Hugh Munro, ist ein schottischer Gipfel, der höher als 3000 ft = 914.4 Meter hoch ist, davon gibt es in Schottland sage und schreibe 282. Und Munro-Bagging ist so quasi eine schottische Sportart. Ben Hope soll unsere Nummer 1 sein. Und irgendwo hier beim Ben Hope liegt die faszinierende und unsichtbare Grenze zwischen dem Norden und den Highlands. Die Strassen werden kurvenreicher, der Verkehr nimmt ab, und die Distanz zwischen Dörfchen nimmt drastisch zu. Man ist in der schottischen Wildnis angelangt. Das Nebeneinander von wilden Bergen, ruhigen Lochs und türkisfarbigen Buchten mit weissen Sandstränden charakterisiert die dramatische Landschaft des Torridon-Massivs, in das wir schon bald gelangen. Die schroffen Berge und tiefen Täler ziehen uns stark in ihren Bann. Wir wandern, wir bestaunen Burgen und Schlossruinen, wir sind fasziniert von den Wetterstimmungen, wir übernachten direkt an den Stränden. Genau so sieht für uns Schottland pur aus.


Campingleben und andere Eigenschaften der Briten


Was uns bereits in der ersten Nacht auffällt, und uns zugegebenermassen auch etwas überrascht: Wir sind meistens die einzigen Nicht-Briten auf dem Campingplatz. Uns soll’s recht sein! Schnell gewöhnen wir uns an die Gepflogenheiten der Briten, wohl ganz nach den ihnen oft liebevoll nachgesagten Tugenden der Ordnung, Korrektheit und strengen Regeln: Anreisen ohne Vorabbuchung mögen sie nicht besonders gerne. Die Wohnmobiltüren sollen alle in die gleiche Richtung öffnen. Die Distanz zum Nachbar ist unbedingt zu wahren. Wäscheleinen oder Werbeaufschriften auf Fahrzeugen sind nicht erwünscht. Anfangs sind wir etwas verwirrt aufgrund der vielen Regeln, lernen deren Mehrwert jedoch schnell zu schätzen. So sind die Plätze stets ausserordentlich grosszügig bemessen, und viele Plätze haben ein wunderbar funktionierendes Online-Buchungssystem, auf welchem man sich den Platz selbst aussuchen kann. Wenn das Mobilnetz mitmacht. Denn die Abdeckung ist oftmals so desolat, dass ausser Edge nicht viel mehr zu wollen ist. Was in Schottland auch oft anzutreffen ist, sind unterhaltene Parkplätze, auf denen gegen eine Spende von 5£ offiziell übernachtet werden darf. Es wäre unhöflich, das nicht zu tun. Wildcamping ist vielerorts verboten, in eher abgelegenen und nicht allzu touristischen Regionen wird es aber toleriert und von den Briten selbst rege genutzt. Um ehrlich zu sein: Nach Skandinavien haben wir uns tatsächlich gefragt, ob wir wohl in Schottland auch derart schön gelegene Campingplätze finden werden. Die Frage hat sich schnell erledigt. Zuhauf!


Durchwegs und ab der ersten Minute erleben wir die Briten als ausserordentlich nette, freundliche und hilfsbereite Menschen, die immer für einen kurzen Schwatz zu haben sind. Enorm begeistert sind wir auch von der Hundefreundlichkeit. Nicht nur scheint jeder Brite gefühlt einen Hund zu besitzen, die Vierbeiner sind auch überall willkommen. Grosse ‘Dogs welcome’-Schilder finden wir fast in jedem Restaurant, in jedem Shop, gar in Museen, und dass überall Wassernäpfe bereitgestellt werden, scheint selbstverständlich zu sein. Ja, wir haben sie sofort ins Herz geschlossen, diese sympathischen Briten!


Auf nach Skye


Als Abschluss unserer Reise auf der NC 500 besuchen wir in Dornie das berühmte (und in Schottland meist fotografierte) Castle Eilean Donan, das über eine lange, mehrbogige Brücke zu erreichen ist. Nach wie vor gehört dieses dem Clan MacRae, viele Räumlichkeiten sind aber für BesucherInnen zugänglich. Das lassen wir uns nicht entgehen und tauchen für einen Augenblick ein in die Welt der schottischen Lairds und Ladies.


Für die ganze Region Torridon spielt das ‘Skye-Phänomen’, wie es hier genannt wird, eine grosse Rolle. Viele Hollywood-Filme wurden auf der nahegelegenen Insel Skye gedreht, und Social Medias tragen ihren Teil dazu bei, dass die Insel sehr populär geworden ist. Viele Touristen passieren daher die nahe gelegenen Torridons kurz, um anschliessend auf möglichst schnellem Wege über die Skye-Brücke auf die Isle of Skye zu gelangen. Wir erlauben uns, aus dem Reiseführer ‘Wild Guide Scotland’ von ‘Wild Things Publishing’ zu übersetzen und zitieren: ‘Nicht dass Skye nicht wundervoll wäre, aber es gibt viele andere Vergnügen in dieser Region, die oft übersehen werden. Widerstehen Sie dem Drang, zu schnell nach Westen zu reisen, und bleiben Sie eine Weile hier.’ Wir sind dankbar, diesen Rat in die Tat umgesetzt zu haben, denn wir sind tief beeindruckt von der Schönheit, Ruhe und Einsamkeit dieser Region. Dennoch lässt auch uns das Skye-Phänomen nicht ganz kalt, unsere Reise soll uns ebenfalls über die Skye-Brücke dahin bringen. Wie werden unsere Empfindungen sein? Wird Skye zu Recht hochgejubelt? Unsere Erfahrungen teilen wir gerne im nächsten Reisebericht.




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