september 2015

schweden -

südlicher kungsleden

Kalte Herbstnächte auf dem südlichen Kungsleden

5. - 18. September 2015

‚Hej hej‘ – durchgefroren und nass werden wir mit dieser typisch schwedischen Begrüssungsformel herzlich in der Fjellstation Blahammeren empfangen. Wie sehr wir uns auf die Hüttenwärme, einen heissen Tee und ein leckeres Stück Karottenkuchen gefreut haben – für den Moment ein wahres Festessen sondergleichen! Draussen ist es kalt, stürmisch, neblig, die Sicht beschränkt sich auf einige wenige Meter, die Umgebung lässt sich höchstens erahnen. Herbst eben. Diese Jahreszeit hatten wir uns für unser Vorhaben auch bewusst ausgesucht. Nur war die Vorstellung unseres Herbsts wesentlich romantischer: mystischer Morgennebel, konstant blauer Himmel, leuchtend verfärbte Flora, Weitsicht ohne Ende,  klare, frischer Luft. Kombiniert mit Einsamkeit. Dem skandinavischen Jedermannsrecht sei Dank, dass wir zumindest von Letzterem so viel bekommen können, wie uns lieb ist. Es darf überall für eine Nacht gezeltet werden, lediglich in der Nähe eines Wohnhauses ist die Bewilligung des Eigentümers einzuholen. Wohnhäuser sind hier, mitten in der schwedischen Wildnis, jedoch weit und breit keine zu finden. So nehmen wir noch so gerne die Mühe auf uns, unsere gesamte Zeltausrüstung auf dem Rücken zu buckeln. Wie lässt sich das Gefühl von grenzenloser Freiheit besser erleben, als das mobile Dach über dem Kopf stets in Griffnähe zu haben und das Zuhause für eine Nacht frei wählen zu können? Jeglichem Wetter zum Trotz. Vernünftig wie wir sind, haben wir uns natürlich – Wunschvorstellungen hin oder her – auf jegliche Ausprägungen und Launen des Herbsts vorbereitet und somit alle nötige weitere Ausrüstung in unserem Rucksack mit dabei, welche für eine 9-tägige Trekkingtour in Mittelschweden mit nassen und kalten Tagen erforderlich ist.

 

‚Ab Mittwoch habt ihr Traumwetter‘. Diese Aussage des freundlichen Hüttenwarts lässt uns aus den Gedanken zum heutigen nächtlichen Verbleib aufschrecken und verleiht uns eine zusätzliche Motivation. Vielleicht erleben wir ihn doch noch, ‚unseren‘ Herbst? So wagen wir uns nach dieser kleinen Verschnaufpause an der wohligen Wärme wieder hinaus in den nordischen, kaltfeuchten Herbst. Schliesslich liegen noch rund 100 km auf dem südlichen Kungsleden vor uns. Dieser wird uns vom Startpunkt Storlien aus durch das Jämtlands Fjäll ins anschliessende Härjedalsfjäll führen, vorbei an den bekannten Massiven Sylarna und Helags, Letzteres mit dem südlichsten Gletscher Schwedens.

Nur 36 Stunden später wissen wir, dass der Hüttenwart recht hatte: stahlblauer Himmel soweit das Auge reicht. Und reichlich Sonnenschein, der unsere strapazierte Gesichtshaut schön erwärmen lässt. Und dieses Hoch wird für ganze drei Tage andauern. Erst jetzt erkennen wir, in welch imposanter Umgebung wir gestern Abend – in sturmdickem Nebel – unser Zelt aufgeschlagen haben. Die Kulisse des Sylarna-Massivs ist unglaublich beeindruckend. Mit seinen Schneeresten vom letzten Winter, den baumlosen Hängen und den davor verlaufenden eiskalten Flüssen verleiht es einem annähernd das Gefühl, hoch oben in den Schweizer Alpen zu sein. Wir müssen uns richtiggehend zwingen zu glauben, dass wir uns auf kaum mehr als 1000 m.ü.M. befinden. Das mittelschwedische Fjäll gilt jedoch bereits als hochalpin, trotz – für unsere Verhältnisse – bescheidener Bergmassive von nur etwa 1800 m.ü.M. Es gilt die Formel, dass 1 Höhenmeter hinsichtlich klimatischer Verhältnisse und der Vegetation etwa 2.5 Höhenmetern in den Alpen entspricht. Die enormen Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht lassen uns dies in aller Deutlichkeit spüren. Kein Wunder verziehen wir uns jeden Abend schon bald nach Einbruch der Dunkelheit gerne in unseren kuschelig warmen Daunenschlafsack.

 

Der Streckenabschnitt vom Sylarna-Massiv bis nach der Fältjägarenstugan zählt für uns zum Eindrücklichsten überhaupt. Es vergehen Stunden, in welchen wir, im Abstand von rund 100 Metern voneinander, durch die Natur wandern. Jeder vor sich hin träumend, die absolute Ruhe und die grandiose Szenerie geniessend. Wir lassen die atemberaubende, nicht zu enden scheinende Weite auf uns einwirken, versinken vollständig darin und nehmen nur den Augenblick wahr. Andere Gedanken sind wie ausgelöscht. Entschleunigung der ersten Klasse. Meditation der anderen Art. Nein, besser kann es einem nicht gehen. So wollen wir denn auch unser geschenktes Glück nicht überstrapazieren und wagen kaum einen Gedanken daran zu verschwenden, dass die Wahrscheinlichkeit für eine Nordlicht-Sichtung auf diesen Breitengraden in der jetzigen Jahreszeit bereits intakt ist. Es kann trotzdem nicht schaden, mitten in der Nacht einen Blick in den nördlichen Himmel zu werfen… ‚Raus mit euch, Nordlichter!‘ ertönt es voller Euphorie. Kaum eine Minute ist vergangen, seit Roger das Zelt verlassen hat. Noch weniger Zeit verstreicht, ehe wir alle drei unter freiem Himmel stehen und wortlos das Naturspektakel bestaunen. Die Auroras tanzen für uns. Schlichtwegs mystische, unbeschreibliche Momente. Die gefühlte Eiseskälte ignorieren wir unbewusst. Wie kalt es wirklich war, lässt sich am nächsten Morgen anhand des komplett frostbedeckten Zeltes nur erahnen. Umso mehr geniessen wir das wärmende Bad in den ersten Sonnenstrahlen des noch jungen Morgens. Von T-Shirt bis Daunenjacke und Mütze – wir finden Verwendung für all unsere Kleidungsstücke im Gepäck.

 

Unsere Regenkleidung können wir vor allem während den letzten Tagen nochmals intensiv in Anspruch nehmen. Der häufige Wetterwechsel könnte nicht in rasanterem Tempo vor sich gehen. Noch während wir die Regenkleidung überziehen, drängen sich bereits wieder die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke. Umgekehrt sprüht aus dem Nichts Regen, wenn wir uns der zusätzlichen Schicht entledigen wollen. Der nordische Herbst zeigt sich uns ausgeprägt in all seinen Facetten. Je mehr Tage vergehen, umso weiter schreitet die herbstliche Verfärbung des Fjälls in grossen Schritten voran. Nur schon der Farben wegen werden die Beerensträucher und ihre Früchte absolut zu Recht als Fjällgold bezeichnet. Ihren Gefallen an dieser pflanzlichen Kost finden auch die Rentiere. Diese sind – je weiter südlich wir uns begeben, die fast einzigen Lebewesen, die uns den Weg kreuzen- und dies in reichlicher Anzahl. Das Fjäll ist hier Rentierweideland, die Zucht der robusten Tiere trägt immens zum Auskommen der Samen bei.

Nach 9 Tagen, 108 Kilometern, rund 4000 Höhenmetern und unzähligen bleibenden Eindrücken und Erlebnissen in der schwedischen Wildnis erreichen wir unser Ziel Fjällnäs, die Anbindung zur Zivilisation. Wir durften den nordischen Herbst in seiner ganzen Vielfalt erleben, keine Minute davon möchten wir missen. Was würden wir darum geben noch etwas im schwedischen Herbst verweilen zu können – gerne auch in der stürmischen Version.