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In der nordöstlichsten Ecke Europas

‘Nein, diesmal wird unsere Reise nicht weiter in den Norden gehen als nach Rovaniemi, das ist ziemlich klar.’ - Ja, das dachten wir. Aber ‘ziemlich klar’ ist halt relativ. Auf der Höhe Rovaniemi angekommen, realisieren wir erst so richtig, wie nah wir wirklich dem nordöstlichsten Teil Norwegens sind. Nicht nur Norwegens, sondern ganz Europas. Da die Wetteraussichten für diese Gegend ziemlich vielversprechend aussehen - was alles andere als selbstverständlich ist - entschliessen wir uns kurzerhand, unsere Reise weiter in den äussersten Teil des hohen Nordens fortzusetzen. Schon so lange steht diese Destination auf unserer Wunschliste…


Varanger-Halbinsel - der Ostküste entlang bis nach Hamningberg

Als erstes Ziel steuern wir Varanger an. Varanger ist die Gegend im äussersten Nordosten Norwegens. Sie besteht aus der Varanger-Halbinsel und dem Varangerfjord und gehört zur Provinz Troms og Finnmark. Ein grosser Teil der Halbinsel gehört zum Varangerhalvøya-Nationalpark. Je weiter sich unsere Fahrt der Ostküste entlang fortsetzt, desto spektakulärere Szenerien treffen wir an. Wir fahren durch die arktische Hochfjell-Landschaft, eine raue und kahle Natur mit einzigartigen Landschaftsformationen, ein Land voller Steinblock-Felder, um die sich die Strasse richtig gehend windet. Die Einheimischen sprechen - völlig zurecht - auch von Mondlandschaft. Am Ende des Tages, und auch am Ende der Strasse, landen wir in Hamningberg. Gefühlt am Ende der Welt. Dort, wo das Meer den Himmel trifft. Dort, wo zerklüftete Felsen auf wunderschöne, weisse Sandstrände der arktischen Küste treffen.


Um das Tüpfelchen auf dem i noch zu vervollständigen, erleben wir in der Bucht von Hamningberg das erste Mal die Mitternachtssonne in ihrer vollen Pracht. Während rund zwei Monaten geht hier die Sonne nicht unter. So dürfen wir das Sonnenlicht volle 24 Stunden erleben, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Unser Campervan ist so platziert, dass die Sonnenstrahlen während der ganzen Nacht in unseren Schlafbereich durchdringen. Nicht nur unser Tages- und Schlafrhythmus scheint sich den Naturgegebenheiten anzupassen, auch bei den anderen Übernachtungsgästen in Hamningberg stellen wir dies fest: Weit nach Mitternacht ist man hier sehr aktiv, als wäre es acht Uhr abends, und morgens um neun Uhr sind noch alle im Tiefschlaf versunken. Eine spezielle Erfahrung!


Waren wir in Finnland von den sogenannten ‘wilden’ Stellplätzen oftmals nicht so angetan, nutzen wir diese hier in Nordnorwegen regelmässig. Sei es hoch oben im Fjell oder in den Fjorden, genügend Platz hat es überall, ja es scheint sogar so zu sein, als ob Norwegen geradezu möchte, dass man irgendwo draussen in der Natur sein Zuhause aufschlägt, und das vielfach mit wunderschönen Aussichten oder direkt am Wasser.


Bevor wir der Küste entlang wieder den Rückweg antreten, wandern wir zur einsam gelegenen Bucht Syltevika. Die Wanderung führt uns durch nahezu unberührte Landschaft, durch Moore und üppige Täler an einen zerklüfteten Steinstrand. Die Rückfahrt von Hamningberg führt immer wieder an kleinen Fischerdörfchen und -städtchen vorbei. Besonders eindrücklich bleibt uns Vardø in Erinnerung. Es ist die älteste Stadt in Nordnorwegen. Mit gemischten Gefühlen nehmen wir immer und immer wieder die Tatsache zur Kenntnis, wie präsent die Überbleibsel und Erinnerungen an den zweiten Weltkrieg in all diesen Fischerdörfchen noch sind. Aufgrund der direkten Lage an der Barentssee und der Nähe zur damaligen Sowjetunion wurde Nordost-Norwegen weitestgehend durch die deutsche Wehrmacht besetzt. Als die Niederlage absehbar war, wurde gemäss der ‘Taktik der verbrannten Erde’ alles zerstört, was dem Feind nützlich sein könnte. Dies bedeutet, dass sämtliche Dörfer und Städte meist komplett niedergebrannt wurden. Das meiste wurde nach dem Ende des Krieges wieder aufgebaut. Dennoch treffen wir vieles in heruntergekommenem, verfallenem Zustand an. Die besten Jahre scheinen vorbei zu sein. Es sind aber auch deutliche Zeichen der Modernisierung zu erkennen. Man ist bemüht, den wenigen Touristen alles zu bieten. Wir sind uns nicht sicher, was im Endeffekt Oberhand gewinnen wird. Werden die Einwohner den Turnaround schaffen? Wir hoffen es!


In die Fjorde auf Varanger

Wir sind derart beeindruckt von der Ostküste Varangers, dass wir auch die weiteren Fjorde auf der Halbinsel kennenlernen möchten. So führt uns unsere Reise sowohl nach Båtsfjord, Syltefjord und Berlevåg sowie nach Kirkenes. Die Strecke führt jeweils über ausgedehnte Hochfjells. Dem guten Wetter sei Dank, dass wir von den ausgiebigen Wandermöglichkeiten so richtig Gebrauch machen können. Besonders erwähnens- und nachahmenswert sind unserer Ansicht nach folgende Touren:


  • Båtsfjord: kurze Wanderung zum Skrovnes Leuchtfeuer

  • Syltefjord: Wanderung über Geröll und Tundra zu einer einsamen und abgeschiedenen Bucht des Ytre Syltefjord, ein wahrer Ort der Idylle. Früher einmal als Handels- und Postort benutzt, stehen heute einzelne Häuser ziemlich verfallen und verlassen in der Gegend, was die Mystik dieses Ortes zusätzlich verstärkt.

  • Berlevåg: Wanderung auf das Tanahorn, mit Weitsicht in die umliegenden Fjorde

  • Berlevåg: Wanderung auf das Sandfjordfjellet, mit super Aussicht auf den schneeweissen Sandstrand im Sandfjord

  • Kirkenes: Wanderung auf den Øretoppen, mit Blick bis nach Russland, hier sind wir Luftlinie gerade noch 5 km davon entfernt


Gemeinsam haben übrigens all diese Fjorde, dass sie von Hurtigruten angesteuert werden, dem klassischen Postschiff in Norwegen. So sind seit vielen Generationen Dörfer entlang der norwegischen Küste miteinander verbunden. Heute als Fracht- und Passagierschiff betrieben, fahren diese innerhalb von sieben Tagen von Bergen bis nach Kirkenes. Es ist sehr eindrücklich, zu sehen, wenn diese schwarz-rot-weissen Riesen in einen winzigen kleinen Hafen einlaufen, ihr ‘Geschäft’ erledigen und nach wenigen Minuten wieder ablegen. Wir staunen generell, wie gut die Versorgung im noch so kleinsten und noch so abgelegensten Fjord funktioniert. Sei dies in Bezug auf Lebensmittel, auf das Gesundheitssystem oder den Pannendienst. Von Letzterem dürfen wir uns in Båtsfjord selbst überzeugen, als kurzerhand unser Borddisplay komplett aussteigt. Googelt mal, Båtsfjord liegt wirklich sehr abgelegen… aber kein Problem, innerhalb einer Stunde steht der Pannendienst mit Rat und Tat zur Seite.


Insgesamt treffen wir in der nordöstlichsten Ecke Nordnorwegens nur sehr wenige andere Touristen an. Und wenn, dann oftmals Schweizer, und vereinzelt Deutsche oder Österreicher. Über diese Tatsache sind wir natürlich nicht traurig. Es verstärkt das Gefühl, sich am Ende der Welt zu befinden, was sehr entschleunigend wirkt. So finden wir hier jeweils problemlos ein Plätzchen auf den Campingplätzen, meistens sind diese nicht mehr als zu einem Drittel belegt, und dies mitten in der Hauptsaison. Was wir ebenfalls sehr schätzen ist die Tatsache, dass es wohl dank den wenigen Touristen in dieser Gegend sehr einfach ist, mit den Einheimischen in Kontakt zu kommen. Sei es auf Wanderungen, auf einem Supermarktparkplatz oder bei einem Spaziergang durch’s Dörfchen. Die Einheimischen sind sehr offen, gerne für einen Schwatz zu haben und freuen sich sehr, wenn sie unsere Fragen über ihren Heimatort beantworten dürfen. Dies gibt uns das Gefühl, noch mehr am Puls des örtlichen Lebens zu sein.


Was wir hingegen ziemlich oft antreffen, sind Rentiere. Diese waren hier schon immer wichtig – von der Zeit der ehemaligen Jagdgemeinschaften bis zur heutigen nordsamischen Rentierhaltung. Besonders beeindruckend ist das sich ergebende Bild, wenn eine grosse Herde mit mehreren Dutzend Rentieren es sich an einem weissen Sandstrand bequem macht.


Nordkinn-Halbinsel

Da wir weiterhin vom Wetterglück profitieren dürfen, wollen wir noch die Nordkinn-Halbinsel erkunden. Es ist die nördlichste Halbinsel des europäischen Festlandes, ebenfalls an der Barentssee gelegen, und beherbergt somit den nördlichsten Punkt auf dem europäischen Festland, da das Nordkap auf einer Insel gelegen ist. Im Gegensatz dazu sind auf Nordkinn kaum Touristen anzutreffen, noch viel weniger als auf Varanger. Die Vegetation ist aber durchaus mit Varanger zu vergleichen, karg und dürftig, und entspricht etwa jener in unserem Hochgebirge. Nach einer windigen und holprigen Fahrt erreichen wir das kleine Dörfchen Mehamn, wo wir einige Tage verbringen. Diese überschaubaren, verschlafenen, von der Fischerei geprägten Örtchen mit ‘Am-Ende-der-Welt’-Charakter haben es uns einfach angetan. Es sind für uns Orte der Idylle, die Begriffe ‘Stress’ und ‘Hektik’ scheinen hier nicht zu existieren, geschweige denn das Wort ‘Stau’. Die Stille und Einsamkeit faszinieren uns extrem. Zudem dürfen wir hier die Mitternachtssonne nochmals so richtig intensiv erleben.


Eine beeindruckende Wanderung führt uns vom Kjøllefjord auf den Kvitnakken. Von dort haben wir freie Sicht bis auf das Nordkap. Wir waren nun schon so oft im hohen Norden, doch nie hat uns bis anhin das Nordkap gereizt. Jetzt nach dem Kennenlernen von Varanger und Nordkinn noch viel weniger. Die Landschaft und Vegetation sind identisch, nur stehen wir hier, beispielsweise auf dem Kvitnakken, ganz alleine - so wie es uns gefällt, und diese Eindrücke reichen uns völlig aus.


Ein weiterer Ausflug führt uns zum Slettnes Fyr, dem nördlichsten Leuchtturm Europas. Hier finden wir während unserer der Küste entlang führenden Wanderung zu unserer grossen Freude die ersten reifen Moltebeeren der Saison, die hauptsächlich in Sumpfgebieten wachsen. Sie sind mild im Geschmack, mit viel Vitamin C versehen und so leuchtend orange - einfach hübsch anzusehen. Kurzerhand sammeln wir ein paar Handvoll ein, denn sie machen sich wunderbar im morgendlichen Porridge.


Unsere Reise-Hilfsmittel

Grundsätzlich ist das Wetter auf unseren Reisen jeweils das A und O, das Hauptkriterium, nach welchem wir reisen und nach welchem wir unsere nächste Destination auswählen. Was nicht bedeutet, dass wir nur der Sonne nachreisen - was ja für diese Region Europas in keiner Weise realistisch wäre. Wir lieben das nordische Wetter, das manchmal so schnell wechselt, dass man kaum genug Zeit findet, die Regenkleider anzuziehen, ehe schon wieder die Sonne scheint. Dieses raue, wechselhafte und windige Wetter kann eine Wanderung oft zu einer der denkwürdigsten machen. Wenn dann auf dem Gipfel noch ein Regenbogen die Tour krönt, könnte das Glücksgefühl kaum grösser sein, so geschehen auf dem Sandfjordfjellet. Bei unserer Planung achten wir einzig darauf, dass nach Möglichkeit nicht mehrere Regentage hintereinander folgen. Bewährt hat sich für uns die norwegische Wetterapp yr, wie auch die App weather pro. Desweiteren benutzen wir für die Auswahl unserer Wandertouren in Norwegen die norwegische Wanderapp UT.no, sowie grundsätzlich natürlich google maps. So können wir für unseren Teil in der heutigen Zeit problemlos auf Reise- und Wanderführer verzichten.


In Lakselv am Porsangerfjord nehmen wir mit einer Wanderung auf den Nuorttat und erneutem Aus- und Weitblick über den Fjord hinweg bis zum Nordkap Abschied von dieser wunderschönen Region. Für uns wird dieser Teil Norwegens als ein ganz besonderes Fleckchen Erde in Erinnerung bleiben. Bereits malen wir uns aus, wie sich eine Reise im Winter hierher anfühlen könnte... Wir spüren hier die Natur hautnah, denn ausser der Natur gibt es ansonsten nicht viel mehr. Wobei die Natur natürlich mehr als genug ist! Völlig zu Recht wird davon gesprochen, dass dieser Teil Nordnorwegens der beste Ort sei, um Vitamin N zu tanken - Vitamin Natur. Wir haben unsere Speicher reichlich gefüllt!


Campingplätze und Stellplätze, die uns in Nordnorwegen besonders gut gefallen haben:


  • Hamningberg: wilder Stellplatz direkt in der Bucht

  • Vardø: wilder Stellplatz auf der gegenüberliegenden Seite des Hafens

  • Båtsfjord / Berlevåg: diverse Stellplätze auf dem Fjell während der Fahrt in die Fjorde

  • Mehman: Camping Nordic Safari



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